Wilhelm Heinrich Chur

Immer wieder stoßen wir bei unseren Personenstandsrecherchen auf merkwürdige Einzelschicksale. Eines davon wollen wir Ihnen in diesem Beitrag vorstellen.

Verschollen am Kap Hoorn?

5. April 1896, der Dreimaster "Neck" aus Bremen sticht von Newcastle aus in See. Die Ladung: Kohlen aus den Revieren im Norden Englands. Das Ziel: die Salpetervorkommen von Iquique an der Küste von Chile – war doch Salpeter ein unerlässliches Rohmaterial zur Herstellung von Kunstdünger und Sprengstoff. Der aus der Fabrikantenfamilie Chur - Gründer der Mechanischen Spinnerei am Senkelbach - stammende Wilhelm fährt als einfacher Matrose auf dem Segler.

Stadtarchiv Augsburg, Polizeidirektion Augsburg, Personenregistratur P 1, C 53

Gesuch um eine Fabriks-Concession zur Errichtung einer mechanischen Baumwollspinnerei in Augsburg 1846

Stadtarchiv Augsburg, Meldebogen

Meldebogen von Wilhelm Heinrich Chur, geb. am 14. Februar 1874 in Augsburg, mit dem Vermerk über sein spurloses Verschwinden auf hoher See. 7. November 1896

Woher stammte Wilhelm Heinrich Chur?

Die Wurzeln seiner Familie liegen in Schwäbisch Hall. Von dort aus lieferten „Chur & Söhne“ Garne an die expandierende Augsburger Textilindustrie. 1847 erhielt das Unternehmen eine Konzession zur Errichtung einer Fabrik auch in Augsburg. Der Amerikanische Bürgerkrieg und die Unterbrechung bisheriger Handelsketten leitete eine Krise der Baumwollindustrie während der 1860er Jahre ein. 1869 wurde die Mechanische Spinnerei am Senkelbach durch die Firma Riedinger übernommen. 1877 meldete der Betrieb Konkurs an und ging an die Aktiengesellschaft Spinnerei Wertach über.

Ob es nun Abenteuerlust war, als einfacher Matrose zur See zu gehen, oder der Wunsch, die Seemannschaft von Grund auf zu lernen und später das Kapitänspatent zu erwerben, wissen wir nicht. Die Nachricht vom Auslaufen der "Neck" aus Newcastle war das letzte Lebenszeichen, das Wilhelm Heinrich Churs Geburtsstadt erreichte - das Schiff blieb mit Mann und Maus verschollen.

Wahrscheinlich kam es bei der Umsegelung von Kap Hoorn zu einer Katastrophe. Trotz der extremen Wetterbedingungen, die es an dem berüchtigten Kap für Schiffe und Seeleute zu überwinden galt, war die Salpeterfahrt nach Chile im 19. und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine wichtige Handelsroute, an der sich auch deutsche Reedereien beteiligten.

Staatsarchiv Bremen, Signatur StAB 4.75/6-40; Gemälde der Viermastbark „Peking“. Nach 1911 (Schmidt, Hamburg)

Haveriemeldung für das Vollschiff „Neck“ aus Bremen auf der Reise nach Iquique (Chile) - 7. Januar 1897; Die "Peking" (Stapellauf 1911, heute Museumsschiff), ein Schiff der berühmten Flying-P-Line aus Hamburg, das ebenfalls in der Salpeterfahrt um Kap Hoorn segelte

Gemälde der Viermastbark „Peking“. Nach 1911 (Schmidt, Hamburg)

Die "Peking" (Stapellauf 1911, heute Museumsschiff), ein Schiff der berühmten Flying-P-Line aus Hamburg, das ebenfalls in der Salpeterfahrt um Kap Hoorn segelte